Log in | Register

Ist ein Wiki oder hat ein Wiki

25 Oct 2013 - 09:08 | Version 5 |
Zur Wahl eines geeigneten Wikis für eigene Unterrichtsprojekte

Beat Döbeli Honegger / Michele Notari

Dies ist die Wikiversion des Kapitels 12 aus dem Buch Der Wiki-Weg des Lernens. Sie darf erweitert und verändert werden.

Creative Commons Lizenzvertrag
Dieses Werk bzw. Inhalt ist lizenziert unter einer Creative Commons Namensnennung - Weitergabe unter gleichen Bedingungen 3.0 Unported Lizenz.

Wer im Unterricht mit einem Wiki arbeiten will, hat die Qual der Wahl. Schier unüberblickbar ist die Zahl der verfügbaren Wikis. Lohnt sich der Aufwand, selbst einen Wiki-Server aufzusetzen, ist mieten besser oder genügen gar die verfügbaren Gratisangebote? Vielleicht ist es aber auch sinnvoller, das Wiki zu nutzen, welches im an der Schule genutzten Learning Management-System (LMS) verfügbar ist. Dieses Kapitel liefert einige nicht gleich morgen veraltete Entscheidungshilfen zur Wahl eines geeigneten Wikis für eigene Unterrichtsprojekte.

1. Die Qual der Wahl

Bei klassischer Textverarbeitung ist die Entscheidung für ein konkretes Werkzeug relativ rasch getroffen. Die Zahl der gängigen Produkte, die sich auf dem eigenen Computer installieren lassen, ist an einer Hand abzählbar. Die andere Hand reicht für die online verfügbaren Textverarbeitungen. Bei Wikis ist die Auswahl schwieriger. Es gibt viel mehr verfügbare konkrete Produkte und im Gegensatz zu Textverarbeitungen ist bisher die Einigung auf ein gemeinsames Datenformat nicht gelungen. Inhalte lassen sich daher nur mühsam von einem Wiki auf ein anderes verschieben. Die Wahl eines Wikis will darum gut überlegt sein. Bei der Wahl eines Wikis für Unterrichtsprojekte sind besonders folgende Fragen relevant:
  • Welche Ziele sollen mit dem Einsatz des Wikis erreicht werden?
  • Welche Funktionalität muss das zukünftige Wiki aufweisen?
  • Wer soll das Wiki bearbeiten können, wer soll das Wiki mindestens anschauen können?
  • Über welche Sprach- und Medienkompetenz verfügen die Lernenden?
  • Für welchen Zeitraum wird ein Wiki gesucht?

2. Klassisches Wiki oder eher wiki-ähnlich?

In den letzten Jahren sind verschiedene Systeme entwickelt worden, die gewisse Eigenschaften von Wikis übernehmen, andere aber weglassen. Je nach Zielsetzung des geplanten Unterrichtseinsatzes ist es heute daher gar nicht mehr sinnvoll, ein klassisches Wiki zu verwenden. Unter Umständen sind wiki-ähnliche Werkzeuge geeigneter. Sie decken benötigte Funktionalitäten besser ab und sind einfacher zu bedienen, weil nicht benötigte Funktionen gar nicht verfügbar sind.

Derzeit sind vor allem wiki-ähnliche Systeme verbreitet, die keine hypertextartigen Verknüpfungen zwischen verschiedenen Dokumenten anbieten, bei denen dafür mehrere Nutzende gleichzeitig dasselbe Dokument bearbeiten können. Das erste derartige webbasierte System wurde im Jahr 2008 unter dem Namen Etherpad veröffentlicht. Bereits 2009 wurde die Software von Google aufgekauft und die Funktionalität in die Online-Textverarbeitung Google Docs integriert. Aufgrund von Protesten der Internetgemeinde wurde der ursprüngliche Etherpad-Server von Google zwar abgeschaltet, der damalige Stand der Software wurde aber unter einer Open Source Lizenz veröffentlicht, so dass heute eine Vielzahl von Etherpad-Servern verfügbar ist. Unterdessen ermöglichen auch andere Online-Textverarbeitungen das gleichzeitige Bearbeiten desselben Dokuments. Grob lassen sich zwei Typen unterscheiden:

  • Reine Texteditoren erlauben nur die Bearbeitung von Text und bieten minimale Formatierungsmöglichkeiten. Das Einbinden von Bildern und Grafiken ist nicht möglich und auch sonst liegt der Fokus auf dem Inhalt und seiner Struktur und nicht auf dem Layout.
  • Ausgewachsene Textverarbeitungen decken einen Grossteil der alltäglich benötigten Textverarbeitungsfunktionen ab, erlauben das Einbinden von Bildern und Grafiken. Mit grösseren Layoutmöglichkeiten sowie Funktionen wie Fussnoten und Inhaltsverzeichnissen versuchen solche Dienste traditionelle, auf dem eigenen Rechner installierte Text¬ver¬arbei-tungen abzulösen.

Die reinen Texteditoren bieten sich an, wenn rasch gemeinsam ein Rohtext erstellt, eine Liste von Objekten (Fragen, Bücher, Links, etc.) gesammelt oder ein Brainstorming gemacht werden soll. Im einfachsten Fall genügt die Bekanntgabe einer URL an der Wandtafel, per Mail oder gar per 2D-Barcode auf dem Beamer und alle können einzeln oder in Gruppen an einem oder mehreren Dokumenten arbeiten. Ausgewachsene Textverarbeitungen sind dagegen geeigneter, wenn zum Schluss ein präsentables Endprodukt hergestellt werden soll, beispielsweise um ein Thema oder ein Projekt zu dokumentieren.

Die Möglichkeit des gleichzeitigen Bearbeitens ist sicher der grösste Vorteil gegenüber klassischen Wikis, die dies bisher nicht bieten. Daneben ist aber auch die notwendige Einführung in das Werkzeug geringer, da es für die Lernenden an die bereits bekannte Textverarbeitung anlehnt, wohingegen die Verknüpfungsfunktionen von klassischen Wikis für die meisten Lernenden ein erst zu begreifendes Konzept darstellt.

3. „Ist ein Wiki“ oder „Hat ein Wiki“?

Soll für ein Lernszenario ein klassisches Wiki genutzt werden, so stellt sich als nächstes die Frage, ob nicht an der Schule bereits entsprechende Funktionen zur Verfügung stehen. Viele Learning Management-Systeme (LMS) bieten unterdessen als Bestandteil ihrer Werkzeugpalette auch Wikis an. Es ist somit naheliegend, das bereits im von der Schule verwendeten LMS verfügbare Wiki zu nutzen, statt ein separates Werkzeug zu evaluieren und einzurichten. Die Vorteile liegen auf der Hand: Die Lernenden sind bereits im System erfasst und mit diesem vertraut.

Es gibt aber auch Gründe, warum „Hat ein Wiki“ nicht das gleiche ist wie „Ist ein Wiki“:
  • Fehlende Zugänglichkeit für Aussenstehende: Zum einen sind Wikis in einem LMS meist nicht für Aussenstehende zugänglich. Sie eignen sich deshalb nicht für Unterrichtsszenarien, deren Ergebnisse für eine grössere Öffentlichkeit zugänglich sein sollten oder die gar die Mitarbeit einer solchen Öffentlichkeit vorsehen. Bereits bei der Zusammenarbeit zweier Klassen aus unterschiedlichen Schulen wird der administrative Aufwand mühsam.
  • Geringerer Funktionsumfang und Benutzerfreundlichkeit: Oft werden nicht verbreitete Wiki-Engines in ein LMS integriert, sondern die LMS-Entwickler programmieren ein eigenständiges Wiki (beispielsweise bei educanet2). Der Funktionsumfang und die Benutzerfreundlichkeit integrierter Wikis sind im Vergleich zu eigenständigen Wikis meist geringer.
  • Kontrollierte LMS-Strukturen als Widerspruch zur Strukturlosigkeit von Wikis: Wikis und Learning Management Systeme stellen gegensätzliche Konzepte dar. In einem LMS wird normalerweise klar zwischen Lehrenden und Lernenden unterschieden, alle Rechte sind bis ins Detail geregelt und für jede mögliche Anwendung steht ein Spezialwerkzeug zur Verfügung. Ein Wiki hingegen ist von der ursprünglichen Philosophie her eher ungeregelt und unstrukturiert. Es fragt sich, ob sich die Grundideen eines Wikis in einem strukturierten LMS voll entfalten können.

4. Welches Wiki darf‘s denn sein?

Ist der Entscheid gefallen, dass es ein klassisches eigenständiges Wiki sein soll, steht die Frage der geeigneten Wiki-Engine an. Auf der Vergleichsplattform http://www.wikimatrix.org wurden anfangs 2013 über 100 verschiedene Wiki-Engines aufgelistet. Das Spektrum reicht von minimalistischen Versionen, die mit einer einzigen Datei auskommen bis zu riesigen Systemen, die für grosse, weltweit verteilte Organisationen geeignet sind. Es existieren Wiki-Engines für alle Betriebssysteme in allen möglichen und unmöglichen Programmiersprachen. Insbesondere wenn ein längerer oder intensiverer Wikieinsatz geplant ist, sollte die Wahl gut durchdacht werden, da eine Datenübernahme zwischen verschiedenen Wiki-Engines selten möglich ist und Nutzende nur ungern ein neues Uer-Interface und eine neue Wikisyntax erlernen. Bevor drei konkrete Wiki-Engines für grössere oder längere Wikiprojekte vorgestellt werden, nachfolgend einige relevante Kriterien zur Auswahl einer geeigneten Wiki-Engine für Lehr- und Lernzwecke:
  • Stufengerechte Usability: Abhängig von Schulstufe und Medienkompetenz der Nutzenden werden andere Ansprüche an die Usability der Wiki-Engine gestellt. Die meisten Wiki-Engines verfügen über einen WYSIWYG-Editor, so dass zum Bearbeiten von Wikiseiten keine kryptischen Befehle mehr eingetippt werden müssen.
  • Interface-Sprache: Nicht alle Wiki-Engines verfügen über eine deutschsprachige Benutzerschnittstelle. Dies kann je nach Sprachfähigkeiten der Lernenden ein Nutzungshindernis darstellen.
  • Multimedia-Einbindung: Je nach geplantem Einsatzzweck ist das Einbinden von multimedialen Inhalten ein wichtige Funktionalität eines Wikis. Hier gilt es darauf zu achten, wie einfach dieses Einbinden möglich ist und ob die Multimedia-Dateien auf dem Wikiserver selbst oder einem anderen Server (YouTube, Flickr, etc.) liegen.
  • Erweiterbarkeit durch Plugins: Gewisse Wiki-Engines lassen sich durch installierbare Plugins erweitern. So kann die Strukturlosigkeit von Wikis durch spezifische Strukturen (Kalender, Tabellenkalkulation, Whiteboard zum Zeichnen etc.) ergänzt werden. Soll ein Wikiserver länger und für verschiedenste Projekte genutzt werden, so kann eine solche Erweiterbarkeit erwünscht oder gar notwendig sein.
  • Verfügbarkeit in der gewünschten Betriebsart: Schliesslich muss sichergestellt werden, dass die ausgewählte Wiki-Engine auch auf dem geplanten Server installierbar oder bereits verfügbar ist (siehe auch Abschnitt 12.5).
  • Anbindung an bestehende Userverwaltung: Soll ein Wiki über längere Zeit mit geschützten Zugängen betrieben werden, so ist die Nutzung bestehender Zugangsdaten für Lehrende und Lernende wünschenswert (so genanntes single-sign-on). Dazu muss die Wiki-Engine aber Hand bieten.

Derzeit (Stand 2013) bieten sich drei umfangreichere Wiki-Engines für grössere und längerfristige Wikiprojekte an: MediaWiki, DokuWiki und FosWiki:

  • MediaWiki ist eine frei verfügbare Wiki-Engine auf PHP-Basis, die bei Wikipedia zum Einsatz kommt und spezifisch für die Bedürfnisse von Wikipedia entwickelt worden ist. Dies ist zugleich Vor- und Nachteil: Aufgrund des Einsatzes bei Wikipedia und der grossen Verbreitung ist das User-Interface bei Nutzenden am ehesten bekannt. Dies kann die Akzeptanz erhöhen und die Einarbeitungszeit verringern. MediaWiki ist primär auf die Bedürfnisse eines grossen, mehrsprachigen Lexikons ausgerichtet, was sich nicht zwingend mit den Bedürfnissen einer Lernumgebung deckt. Aktuell (Stand 2013) verfügt MediaWiki noch nicht über einen grafischen Editor.
  • DokuWiki ist eine frei verfügbare Wiki-Engine auf PHP-Basis, die sich durch Plugins massiv erweitern lässt. Es hat seine Stärke insbesondere bei der Erstellung von Dokumentationen und kommt in zahlreichen Schulprojekten zum Einsatz.
  • FosWiki ist eine frei verfügbare Wiki-Engine auf Perl-Basis, die sich ebenfalls durch Plugins massiv erweitern lässt und insbesondere in Unternehmen und informatiknahen Umgebungen häufig verwendet wird. Es ist komplizierter zum Betreiben als DokuWiki, bietet dafür aber mehr Möglichkeiten im Bereich von formularbasierten Abläufen und Automatismen.

5. Selber hosten, mieten oder Gratisangebote nutzen?

Die Frage nach der geeigneten Wiki-Engine lässt sich nicht losgelöst von der Frage beantworten, wer das Wiki betreibt und auf welchem Rechner es laufen soll. Grundsätzlich lassen sich drei Varianten unterscheiden: Selber hosten, mieten oder kostenlose Angebote im Internet nutzen.

Selber hosten lohnt sich selten

Vom selber hosten ist meist abzuraten. Ein selbst betriebener Wikiserver lohnt sich erst, wenn man Wikis längerfristig oder in einem grösseren Umfang nutzen will. Gerade dann sollten sich aber die beteiligten Lehrpersonen auf inhaltliche und organisatorische Fragen konzentrieren können und sich nicht mit technischen Aspekten des Wikieinsatzes herumschlagen müssen. Einer der Vorteile von Wikis besteht darin, dass sie ohne grosses technisches Know-how genutzt werden können. Dieses Bild wird beim Lehrkollegium und bei Lernenden getrübt, wenn die Wiki-Promotoren entweder mit glänzenden Augen von den neuesten technischen Möglichkeiten berichten oder aber in der Pause über Updateproblemen brüten. Das selber hosten eines Wikis ist höchstens dann zu empfehlen, wenn spezialisierte Techniker das übernehmen können.

Interessant wird selber hosten jedoch dann, wenn ein Wiki auf dem mobilen Computer von Nutzenden läuft. So könnte eine Lehrperson ihr Wiki auf ihrem eigenen Notebook im lokalen Netzwerk zur Verfügung stellen, so dass für den Zugriff nicht einmal Internetzugang notwendig wäre. Das Wiki stünde dann zwar nur im Unterricht zur Verfügung, was aber bei gewissen Szenarien kein Problem darstellt oder gar erwünscht ist. Verfügen die Lernenden über eigene Notebooks, Netbooks oder Tablets, so lassen sich kleine Wiki-Engines auch als persönliche Notizsysteme einsetzen.

Wiki-Miete
Den technischen Betrieb überlässt man lieber spezialisierten Firmen, die entweder die gängigen Wiki-Engines im Angebot haben oder aber eine proprietäre, eigene Wiki-Engine entwickelt haben. Je nach gesetzlichen Datenschutzbestimmungen und eigener Befindlichkeit ist darauf zu achten, eine Firma im eigenen Land zu wählen oder aber das weltweit beste Angebot zu berücksichtigen. Unter Umständen bietet es sich auch an, dass staatliche Stellen das Hosting übernehmen und den entsprechenden Bildungseinrichtungen kostenlos oder zum Selbstkostenpreis anbieten.

Gratis-Wikis
Schliesslich existiert eine Vielzahl von kostenlosen Wikiangeboten im Internet. Was bereits bei Mietmodellen beachtet werden muss, gilt bei Gratisangeboten noch mehr: Niemand garantiert die Existenz des Wikihosters in der Zukunft. Ob solche Angebote in Frage kommen, hängt somit auch vom Zeithorizont und Umfang des geplanten Wikieinsatzes ab. Wer ein Wiki für eine Woche benötigt, wird vermutlich eher zu einem Gratisangebot greifen als jemand, der ein mehrjähriges Wikiprojekt plant, in welches auch viel Zeit investiert werden wird. Bieten Miet- oder Gratiswikis die Möglichkeit des Datenexports sind beim Verschwinden des Wikihosters mindestens die Daten noch vorhanden, wenn man denn vorgängig regelmässig ein Backup gemacht hat.

Gratiswikis finanzieren sich oft über Werbung, wobei sich bei gewissen Angeboten die Werbung abschalten lässt, wenn man versichert, das Wiki nur für schulische Zwecke zu nutzen. Heutige Web-Werbung ist oft kontextsensitiv, so dass neben einem Wiki mit Biologieinhalten plötzlich besonders unerwünschte Werbung auftauchen könnte. Auch sonst ist jedoch fraglich, ob mit Werbung gesäumter Inhalt in einen Schulkontext passt.

Online-Ergänzung: Kostenlose Wikis

Vorsicht: Kurzlebige Informationen

6. Und jetzt?

Wir hoffen, dass Sie sich durch die in diesem Kapitel beschriebene Wiki-Vielfalt nicht haben abschrecken lassen und nun motiviert in ein eigenes erstes Wikiprojekt einsteigen! Warum nicht für ein erstes Projekt ein Gratis-Wiki nutzen und damit Erfahrungen sammlen? Danach können Sie noch immer entscheiden, ob Wikis längerfristig zu Ihrer Werkzeugpalette gehören soll und sich das passende eigene Wiki aufsetzen (lassen).

Aktuellere Informationen zu diesem Buch (insbesondere auch kurzlebigere Hinweise zu den Fragen in diesem Kapitel) finden sie zukünftig – wen wundert’s – in einem Wiki unter http://wikiway.ch.

Viel Erfolg!

Beat Döbeli Honegger & Michele Notari
This site is powered by FoswikiCopyright © by the contributing authors. All material on this collaboration platform is the property of the contributing authors.
Seite genereriert um 28 Jun 2017 - 10:55
Ideas, requests, problems regarding wiki.doebe.li? Send feedback